Weil
diese Frage im Thema zur Diskussionskultur im Internet aufgekommen ist, habe ich mir die Mühe gemacht, ein neues Thema dazu zu erstellen, in dem ich gerne eure Meinung zur Meinungsfreiheit in Deutschland erfahren würde.
Seht ihr es so, wie die Medien, dass in unserem Land alles erlaubt ist? Das wir hier genug Freiheiten genießen und im Prinzip im Land der freien Meinungsäußerung leben, in dem nichts geändert werden muss, so wie es wohl auch unsere Politiker zu sehen scheinen?
Teilt ihr vielleicht sogar meine Auffassung, dass wir uns zu viel herausnehmen und es vor lauter Freiheit an Anstand, Geschmack, Einfühlungsvermögen und dem nötigen Respekt vor dem Gegenüber mangeln lassen und uns mehr Grenzen manchmal gut tun würden?
Oder seid ihr eher der Meinung (die ich nicht teile!), dass in unserem Land zu viel unterbunden, kontrolliert (ich sage nur Vorratsdatenspeicherung), manipuliert und gezielt zensiert wird (Stichwort "Lügenpresse") und man eigentlich nicht mehr von Meinungsfreiheit sprechen kann?
Bin mal auf eure Argumente gespannt und freue mich auf eine lebhafte Diskussion.
Wir beschweren uns stets ganz heftig, dabei sind wir in weltweiten Vergleichen internationaler Institutionen gut bis sehr gut vertreten, was die Ranglisten Presse- und Meinungsfreiheit angeht.
Ich habs im anderen, oben genannten Thread schon angesprochen und wiederhole es hier noch mal: Was viele Leute, v.a. aus den links- und rechtsextremen Rändern der Gesellschaft, nicht so ganz verstehen, ist, dass mit einer Meinungsfreiheit keine Beleidigungs-, Diskriminierungs- oder Bedrohungsfreiheit einhergeht. Und dass diese Leute sich dann darüber aufregen, wenn sie Anzeigen erhalten, weil sie widerwärtigste Hassmails an Personen des öffentlichen Lebens versenden oder volksverhetzende Beiträge auf Facebook posten, finde ich schon ein wenig kurios. In vielen Fällen hat man das Gefühl, dass es an einer moralischen Erziehung durch die Eltern mangelte, sodass diese Leute nicht so recht wissen, was (im juristischen Sinne, nicht im philosophischen) richtig und falsch ist und wann sie mit ihren (extremen) Äußerungen Gesetzesgrenzen übertreten. Man darf nämlich glücklicherweise nicht einfach (Beispiel folgt
:) türkische Migranten als "faule terroristische Dreckskanacken" bezeichnen und dann erwarten, dass solche verbalen Entgleisungen durch die Meinungsfreiheit geschützt sind. Andernfalls könnten wir uns ja alle öffentlich als Hurensöhne bezeichnen und den Holocaust leugnen o.ä.. Das zu verstehen ist eigentlich das Wichtigste. Unter diesem Gesichtspunkt ist es recht leicht ersichtlich, warum die meisten Beschwerden über mangelnde Meinungsfreiheit ins Leere laufen.
In der Schule sollte vllt. im Politik-/Sozialkunde-/oder wie auch immer dieser Unterricht im jeweiligen Bundesland heißt ein Schuljahr lang das Grundgesetz auswendig gelernt werden. Kleiner Scherz am Rande, aber im Prinzip isses so.
;)
Eine Rechtliche Einschränkung der Meinungsfreiheit gibt es in Deutschland praktisch nicht, eine soziale bzw. Mediale Ächtung/Missbilligung mancher Meinungen jedoch schon.
Ja, das ist korrekt.
Es ist imo ein Problem deutscher Diskussionskultur, dass wir zu aufgeregt und unüberlegt mit manchen Meinungsäußerungen (natürlich nur die, die nicht gegen das Gesetz verstoßen) umgehen und Menschen zu schnell kategorisieren. Jakob Augstein, Vorzeigelinker, kritisiert die israelische Politik heftig? Antisemit. Eva Herman* lobt die Familienpolitik im Dritten Reich? Nazi. Mein Nachbar hat Angst (hauptsächlich aus Gründen mangelnden Wissens über dieses Thema) vor Ausländern? Rassist. Ich bin pro Flüchtlinge? Gutmensch.
Mit solchen Zuweisungen macht man es sich natürlich einerseits sehr einfach und behandelt andererseits die zugewiesenen Personen imo ungerecht. Wer einmal eine tendenziöse oder vllt. einfach nur unglücklich formulierte Aussage tätigt, sollte nicht sofort in eine entsprechende Schublade gesteckt werden. Nur wenn sowas wiederholt auftritt, weiß man, dass diese Person es mit solchen Statements ernst meint und diese nicht einmalige Ausrutscher waren.
Denn wenn wir jeden als Nazi bezeichnen, dann (Zitat Nikolaus Blome)
"ist es irgendwann keiner mehr". Oder anders gesagt: Der Begriff verlöre seine Bedeutung.
Dass bestimmte Meinungen medial und sozial nicht unbedingt geächtet, sondern eher missbilligt werden, finde ich an sich nicht so problematisch. Aus einem, auch reibenden, Diskurs entstehen manchmal genauere Positionen und sorgen für eine gewisse Heterogenität der Bevölkerungsmeinung. Es wäre ja auch langweilig und evtl. auch nachteilhaft, wenn alle dieselbe Meinung hätten. Diese Missbilligungen sollten imo jedoch für die Personen keine Nachteile beinhalten, die über die Diskussion hinausgehen (Bsp.: ein rechtskonservativer Arbeitgeber stellt mich nicht ein, weil ich mich in sozialen Netzwerken für Flüchtlinge ausgesprochen habe; o.ä.).
*zu Frau Herman sei gesagt, dass mich die Art und Weise, wie schnell sie ins rechte Eck geschoben wurde, stark gestört hat. Klar, dass sie diese Einordnung durch ihre späteren, immer verquereren und rechtsextremeren Aussagen absolut verdient hat. Aber wie sie behandelt wurde, nachdem sie sich einmal so geäußert hatte, war imo sehr ungerecht. Zu ihren Thesen selbst (aus ihren Büchern) möchte ich nur soviel sagen: sind allesamt rechtspopulistischer (und später auch verschwörungstheoretischer) Unfug und wissenschaftlich nicht gestützt.